29/09/2026
Hashimoto ist doch kein Pferdeproblem!
Oder vielleicht doch?
Ja-Nein-Man weiß es nicht!
🐴 SCHILDDRÜSE BEIM PFERD – gibt es die Hypothyreose wirklich so selten, wie wir glauben?
Wenn beim Pferd Supraorbitale Ödeme/oft als Fettdepots über den Augen fehldiagnostiziert, Stoffwechselprobleme, Leistungsschwäche, Veränderungen von Fell und Haut, Gewichtszunahme oder Schwierigkeiten mit der Thermoregulation auftreten, denken wir heute schnell an Insulindysregulation, EMS oder PPID.
Die Schilddrüse?
Die spielt in der modernen Pferdemedizin erstaunlich selten eine Hauptrolle.
Auch wenn wohl endlich eine Studie zum rT3 bei Pferden an einer Uniklinik laufen soll. Ich feier das wirklich.
Ein Grund dafür ist durchaus nachvollziehbar: Niedrige Schilddrüsenhormonwerte bedeuten beim Pferd nicht automatisch eine primäre Hypothyreose. Erkrankungen, Energiemangel, Medikamente und andere Einflüsse können T3 und T4 verändern, ohne dass die Schilddrüse selbst krank ist.
Das sogenannte Non-Thyroidal-Illness-Syndrom (NTIS) macht die Interpretation zusätzlich schwierig.
Aber daraus sollte man nicht den Umkehrschluss ziehen:
👉 „Eine echte Schilddrüsenerkrankung gibt es beim erwachsenen Pferd praktisch nicht.“
Denn dafür gibt es einen ausgesprochen interessanten Befund.
🔬 Hashimoto-ähnliche Veränderungen beim Pferd
Bereits 2005 veröffentlichten Perillo und Kollegen eine Untersuchung mit dem bemerkenswerten Titel:
„First observation of an Hashimoto thyroiditis-like disease in horses from Eastern Europe: histopathological and immunological findings.“
Untersucht wurden 622 Schlachtpferde aus Osteuropa.
Bei 156 Pferden wurden aufgrund makroskopischer Auffälligkeiten der Schilddrüse – unter anderem hinsichtlich Größe und Gewicht – die Schilddrüsen für weitere Untersuchungen ausgewählt.
Und jetzt wird es interessant:
👉 Bei 80 % dieser 156 auffälligen Schilddrüsen fanden sich mikroskopische Veränderungen, die die Autoren als vereinbar mit einer Hashimoto-ähnlichen Thyreoiditis einstuften.
Gefunden wurden unter anderem:
• Veränderungen bzw. Zerstörung der normalen Schilddrüsenarchitektur
• verminderter Kolloidgehalt
• lymphozytäre Infiltration
• Fibrosierung des Schilddrüsengewebes
Noch interessanter:
Die histologischen Veränderungen wurden von immunologischen Befunden begleitet. Die Autoren fanden erhöhte Konzentrationen von
➡️ Antikörpern gegen Thyreoglobulin (Tg-AK)
➡️ Antikörpern gegen Thyreoperoxidase (TPO-AK)
also Autoantikörper gegen genau die Strukturen, die wir auch aus der Diagnostik der autoimmunen Thyreoiditis beim Menschen kennen.
Die Autoren bezeichneten das Krankheitsbild deshalb ausdrücklich als:
„Hashimoto thyroiditis-like disease"
– also eine Hashimoto-ähnliche Erkrankung des Pferdes.
⚠️ Eine wichtige Einschränkung der Studie
Die häufig zitierte Zahl von 80 % bedeutet NICHT, dass 80 % aller untersuchten Pferde eine Hashimoto-ähnliche Thyreoiditis hatten.
Es waren 80 % der 156 bereits aufgrund makroskopischer Schilddrüsenveränderungen ausgewählten Tiere.
Bezogen auf die gesamte Ausgangsgruppe von 622 Pferden wären das ungefähr 20 %, sofern man die 80-%-Angabe entsprechend umrechnet.
Und auch daraus lässt sich keine Prävalenz für unsere heutige Pferdepopulation ableiten.
Es waren Schlachtpferde aus Osteuropa, die Population war selektiert und die Studie stammt aus dem Jahr 2005.
Aber sie zeigt etwas anderes sehr deutlich:
Eine lymphozytäre, fibrosierende und mit Schilddrüsen-Autoantikörpern assoziierte Thyreoiditis kann beim Pferd vorkommen.
🧩 Und genau hier beginnt für mich die interessante Frage
Wie häufig würden wir solche Veränderungen heute finden, wenn wir bei entsprechend auffälligen Pferden tatsächlich danach suchen würden?
Denn in der täglichen Diagnostik bestimmen wir häufig lediglich Gesamt-T4 oder gelegentlich fT3/fT4.
Was wir dagegen beim Pferd praktisch kaum routinemäßig untersuchen:
🔹 TPO-Antikörper
🔹 Thyreoglobulin-Antikörper
🔹 Ultraschallstruktur der Schilddrüse
🔹 Verlaufskontrollen der Schilddrüsenparameter
🔹 funktionelle Tests der Schilddrüsenachse
Und genau deshalb muss man zwischen zwei Aussagen unterscheiden:
„Wir diagnostizieren autoimmune Schilddrüsenerkrankungen beim Pferd selten.“
und
„Autoimmune Schilddrüsenerkrankungen kommen beim Pferd kaum vor.“ Was vor allem der fehlenden Diagnostik wohl geschuldet sein wird.
Das ist wissenschaftlich nicht dasselbe.
Eine neuere retrospektive Untersuchung einer Pferdeklinik von 2009–2024 zeigt ebenfalls, wie dünn die Datenlage insgesamt ist: In 15 Jahren fanden sich lediglich neun Pferde, die dort gezielt wegen des Verdachts auf eine Schilddrüsenerkrankung untersucht worden waren. Die Autoren betonen ausdrücklich den Bedarf an besseren Screening- und Diagnoseverfahren.
🧠 Die Schilddrüse sollte deshalb Teil eines Systems sein
Beim Pferd würde ich einen niedrigen T4- oder T3-Wert niemals isoliert betrachten.
Interessant wird das Gesamtbild aus:
Schilddrüse ↔ Hypophyse ↔ Energieverfügbarkeit ↔ Insulin ↔ Leber ↔ Entzündung ↔ Immunsystem ↔ Mikronährstoffe
Und erst dann stellt sich die entscheidende Frage:
Ist die niedrige Schilddrüsenaktivität lediglich sekundäre Anpassung?
Oder liegt tatsächlich eine primäre Störung der Schilddrüse vor?
Im Humanbereich weiß man heute, dass zu niedrige Schilddrüsenwerte mit Herz-, Lipid-, Insulinsensitivitätsstörungen einher gehen können, ebenso wie Entzündungen oder Ödemen, Lethargie, Thermoregulationsproblemen und vielem mehr.
Vielleicht ist die Schilddrüse beim Pferd also gar nicht so unwichtig.
Vielleicht messen wir bisher nur zu selten die richtigen Dinge.
📚 Quelle
Perillo A, Passantino G, Passantino L, et al.
First observation of an Hashimoto thyroiditis-like disease in horses from Eastern Europe: histopathological and immunological findings.
Immunopharmacology and Immunotoxicology. 2005;27(2):241–253.
DOI: 10.1081/IPH-200067743.
👉 [Originalstudie bei PubMed](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/16114508/)