02/11/2023
Reiter sein.
In meiner Jugend ritten alle, die ich kannte, weil sie Pferde liebten und weil es ihnen so viel Freude bereitete. Es war nicht ihr Beruf, sie verdienten kein Geld damit (im Gegenteil, sie arbeiteten, um ihre Reiterei bezahlen zu können - das mache ich übrigens heute noch) und wir alle fühlten uns durch die bloße Tatsache, uns als Reiter bezeichnen zu dürfen, ein bisschen besonders. Weil uns bewusst war, dass Reiten etwas ist, das zu erlernen eine Menge Einsatz und Selbstdisziplin erfordert. Weil ein Pferd nun einmal ein hochsensibles, komplexes Geschöpf ist, mit dem umzugehen viel Wissen und Können erfordert - was deshalb nicht jeder konnte.
Die vielen Regeln, Traditionen und ungeschriebenen Gesetze, an die sich damals jeder Reiter gebunden fühlte, waren uns eine große Hilfe und das überwiegende Gefühl war: Freude.
Freude am Pferd, am Miteinander, an eigenen Fortschritten und denen der Mitreiter, am Reiten an sich. In meiner Kindheit und Jugend wurde auf Turnieren wie auch auf Ausritten immer gelacht und man behandelte sich untereinander (und sowieso alle Pferde) mit Respekt und Höflichkeit. Keiner ritt, um reich zu werden und manch einer, der es in den Kader schaffte, musste für die WM - oder Olympiateilnahme erst einmal mit seinem Chef sprechen, um überhaupt Urlaub zu bekommen.
Mir gefiel die Bodenständigkeit, der absolute Fokus auf das Pferd und dieses ganz besondere Gefühl der Dankbarkeit und des Stolzes, Reiter sein zu dürfen. Es war für mich ganz normal, direkt aus dem Stall kommend in nach Pferd riechenden, von Haaren und Matsch besprenkelten Klamotten durch die Hamburger Innenstadt zu laufen, ich war sogar stolz darauf, ebenso wie auf meine an der Innenseite (nicht der Rückseite!) abgenutzten Reitstiefel. Ich war Reiter und Reiter zu sein bedeutete Bodenständigkeit, Matsch und Mist aber eben auch nicht alltägliches Wissen und Können. Es war eine Auszeichnung, die man sich erarbeiten musste.
Für mich ist das immer noch so.
Es ist wirklich schade, dass die Motivation und Ausbildung vieler Reiter heute so anders aussieht und Bilder erzeugt, bei denen man sich eher schämen muss, Reiter zu sein. Besonders für die Pferde - aber auch für die Reiterei. ©Julie von Bismarck